Prediger 11,1, Predigt Pfarrer Hermann Bohlamnn

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Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft im Heiligen Geist sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde!
Das ist ein ganz eigenartiges Wort, das für diesen Gottesdienst zum Sonntag der Seefahrt ausgesucht worden ist aus dem Predigerbuch des AT. "Laß dein Brot übers Wasser fahren, denn du wirst es finden nach langer Zeit. Lu" Oder noch kantiger klingt es auf Plattdeutsch: " Laat dien Brot över See gahn! Denn duurt dat woll sien Tied, aver denn kummt dat torügge". Was soll das heißen?

Sehr bald fiel mir ein: Unser sehr erfahrener Mitarbeiter Walter Bott aus Piräus berichtet: "Wenn ich in ein mir fremdes Land komme, dann stehe ich morgens vor Tagesanbruch auf und gehe durch die Straßen. Meist dauert es nicht lange und ich rieche: hier wird Brot gebacken. Und ob ich die Landessprache spreche oder nicht: bisher bin ich noch immer eingeladen worden, dieses frische Brot zu probieren. Und wenn ich dann dieses Brot gerochen und gekostet habe, dann habe ich etwas Wesentliches von diesem neuen Landes bereits erfahren." Dies belegt einmal mehr: Brot ist die Nahrung zum Leben, das, was wir notwendig zum Leben brauchen. Und es ist nicht von ungefähr, daß das Wort für Brot in vie-len Sprachen eine nahe Beziehung zu Leib und Leben hat: ich nenne nur Chleb im Russichen, loaf im Englischen und Brotlaib im Deutschen.

Vieles, sehr viel von dem, was unsere Tische füllt, wurde übers Wasser zu uns geschickt. Überlegen Sie einmal, was alles über die Häfen uns erreicht.- Nicht nur Kaffee Tee und Rum. Und was schicken wir alles übers Wasser!? Was empfangen wir darüber hinaus alles über See, von dem, was wir zum Leben brau-chen. Es ist kein Zweifel: innerhalb weniger Wochen würde unsere gesamte Wirtschaft in Deutschland zusammenbrechen, wenn schlagartig die Seefahrt ausfiele.

Und die Seeleute? Sie wagen es immer wieder ihr Brot auf die Fläche des Wassers zu werfen, wie wir auch diese Bibelstelle übersetzen können, um vielleicht nach 6, 9, 12 oder mehr Monaten das Brot für ihre Familien wieder zu finden. Weil Seeleute und zwar aus aller Welt einen erheblichen Anteil haben an unserem Reichtum, verdienen sie mehr Respekt und Würde. Verdienen sie mehr Anerkennung und Achtung. Vor allem aber gebührt ihnen mehr Gerechtigkeit. Denn Seeleute sind es, die den Mut aufbringen etwas zu wagen; nämlich Ihr Brot auf die Fläche des Wassers zu werfen, um es hoffentlich nach vielen Tagen wiederzufinden. Und ich meine, wir täten alle gut daran, dies mehr zu respektieren. Dies ist das erste.

Das Zweite aber ist: Werden sie es denn finden nach langer Zeit, das Brot, das sie über See gehen las-sen? Sie weihen heute hier in der Petruskirche die Kapelle der auf See gebliebenen Schiffe und Seefahrer ein. Diese Seeleute und deren viele Angehörige haben es eben nicht wiedergefunden, das Brot, das sie zum Leben brauchen. Wenn wir den Angaben der Süddeutschen Zeitung trauen dürfen sind es jährlich etwa 1300 Seefahrende, die so ihr Leben einbüßen. Und da reine Zahlen uns meist nicht mehr viel sagen, lassen Sie es mich an einem Beispiel verdeutlichen. Vielleicht haben die eine oder der andere von Ihnen den Exclusivbericht in der ARD über das Totenschiff gesehen. Im April 1990 ist in der Biskaya die Scan Trader, ein uns bekanntes Schiff, mit 12 Mann Besatzung spurlos verschwunden. Und es war nicht ein Spielball der Gewalten des Meeres, wie dann gerne verschleiernd gesagt wird, sondern Untersuchungen haben ergeben: es war auf Anweisung überladen, es ist wahrscheinlich auf Anweisung bei Orkan in die Biskaya ausgelaufen, obwohl die Maschine und Anlagen nicht in Ordnung waren, wie die Verantwortlichen wußten. Dies war wohl möglich weil der Kapitän und der Steuermann nicht voll gültige Papiere und Patente hatten. Und deswegen waren sie abhängig. Was sie vermutlich nicht wußten: sie fuhren mit gefälschten Sicherheitspapieren an Bord. Und die vier ertrunkenen indischen Seeleute hatten Knebelverträge, nach denen sie die ersten 6 Monate keinerlei Heuer erhielten und mit jeder Art Essen einverstanden sein mußten. Und z.Z. des Berichts hatte der Reeder die je 100.000 DM Lebensversicherungssumme für die für Inder sich auszahlen lassen aber nicht den Angehörigen weitergeleitet. Und verantwortlich dafür war nicht irgend jemand Unauffindbarer, nein ein deutscher Reeder. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Dies ist nicht
typisch für deutsche Seefahrt oder für Seefahrt überhaupt. Und so geballt findet man die lebensgefährli-chen Vergehen selten bei einem Schiff. Nur Seeleute, die Angst haben wegen der Sicherheit auf ihrem Schiff, und Mannschaften, die unter menschenunwürdigen Verhältnissen arbeiten müssen, oder um Heuern betrogen werden, treffen wir immer wieder auf den Schiffen und in unseren Einrichtungen.

Wichtiger aber scheint mir: was steht dahinter? Was ermöglicht solches menschenverachtende Verhalten? Wenn das Brot nicht mehr als Speise des Lebens gesehen wird, als notwendig zur Erhaltung des Lebens von Menschen und Kreaturen, wenn Wirtschaft nur noch um der Wirtschaft willen betrieben wird, damit die Zahlen steigen, damit der Profit stimmt, dann bleibt das Leben auf der Strecke. Aber was ist das für eine Wirtschaft, die nur noch um der Wirtschaft willen betrieben wird, aber nicht um der Menschen willen, die sie betreibt? Und das gilt nicht nur für die Seeschiffahrt. So wird eben das Brot nicht wiedergefunden - auch nach langer Zeit nicht. So wird Leben leblos, seelenlos.

Und damit komme ich zu dem Dritten und Letzten:
Der Prediger sagt gewiß nicht von ungefähr: laß dein Brot über das Wasser fahren, Laat dien Broot aber See gahn. Nein, das hat einen ganz tiefen, urtümlichen Sinn. Das Wasser, der See und die See haben in vielen Kulturen und Religionen eine besondere Bedeutung. Sie sind das Bild, das Symbol für die Seele. Also: Laß dein Brot übers Wasser fahren, damit sagt er: daß du Nahrung hast für deinen Leib, das ist wichtig, aber das allein genügt nicht. Zum echten, tiefen Leben, brauchst du Speise für deine Seele. Eben das, was über das Wasser gefahren ist. In der Schöpfungsgeschichte ist das so ausgedrückt, wie Sie wissen: Der Schöpfer nahm die Erde und formte daraus den Leib - das ist das Äußere, das Materielle, das die äußere Speise braucht. Aber dann blies er diesem Leib seinen Odem ein, eben die Seele, die die Speise braucht, die übers Wasser gefahren ist Und viele Seeleute wissen darum. Wenn ich bisher immer gesagt habe: Seeleute haben ihre besondere Philosophie, dann ist mir an diesem Predigerwort deutlich geworden. Das hat seinen Grund darin, daß sie ständig dem Element Wasser ausge-setzt sind, daß sie häufig ihr Brot über See gehen lassen müssen. Wenn sie das manch-mal auch nur auf ihre Weise ausdrücken können, aber die Seemannsfrau, die mir sagte: Von See schreibt mein Mann mir ganz tiefe Briefe. Das kann er mir sonst so gar nicht sagen, so zeigt dies: Viele Seeleute spüren sher wohl: Was das Leben fördert, dient nur meinem Leben, wenn es ihm auch seelisch dient. Und das gilt beileibe nicht nur für die Seefahrt. Ich erinnere nur an das, was ich vorhin über die Wirtschaft sagte. Hilary Clin-ton, die First Lady der USA, hat betont: die westlichen Menschen leiden an der Schlafkrankheit der Seele. Und das gilt es zu überwinden. Nur jeder, der sich auf diese Seelenarbeit einläßt, der erfährt, warum es hier heißt: das dauert seine Zeit. Ich denke mal die ganze Lebenszeit. Jesus von Nazareth hat das auf seine Art so ausgedrückt: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.

Schließen möchte ich mit einer positiven Geschichte: Vor einiger Zeit sind auf einem Bananenschiff bei schwerer See zwei filippinische Seeleute zu Tode gekommen ohne jemandes Verschulden. Daraufhin wollte die gesamte philippinische Mannschaft umgehend dieses böse Schiff verlassen. Die Reederei bat uns, bei Einlaufen des Schiffes eine Andacht an Bord zu halten. Und als ich mit unserer franziska-nischen Nonne, Schwester Pat, zu-sammen mit den Seeleuten gebetet hatte, spürten wir, daß sie ruhiger geworden waren. Am folgenden Sonntag feierte der katholische Kollege aus Bremen mit ihnen eine Messe und danach konnten sie weiterfahren. Das Brot für ihre Seelen hatte sie gestärkt. Und ich kann mir gut ausmalen mit welcher Freu-de und Intensität sie nach Ablauf ihres neun oder 12monatigen Vertrages Zuhause mit ihren Familien einen Dankgottesdienst gefeiert haben. Sie hatten nach vielen Tagen ihr Brot wiedergefunden.

Liebe Gemeinde, ich denke, sie spüren. Ich male hier keine heile Welt. So nach dem Motto, wenn du nur richtig glaubst, dann ist alles gut und schön. O nein! Die verunglückten Kollegen blieben tot. Aber die Nahrung der Seele hatten die Lebenden wiedergefunden. Und ich denke, Sie verstehen, wenn ich Ihnen sage, Seemannsmission, das kann häufig heißen, wir bekommen von Seeleuten diese lebensnotwendige Nahrung für unsere Seele angeboten. Im Übrigen in den Evangelien heißt das so: Und Jesus nahm das Brot, dankte brach es und gab es ihnen. Darum gilt die Zusage: Laß dein Brot übers Wasser fahren, denn nach vielen Tagen wirst du es wiederfinden.
Amen!

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