| Mittagsgebet Dom, Bremen, 3.4.01
Liebe Gemeinde! Seeleute sind mein Thema. Ich gehe davon aus, daß Sie wenig über das Leben dieser Menschen wissen. Es ist gleichgültig, aus welchem Land die Seeleute kommen. Ihr Leben gleicht sich auf jedem Schiff. Der Arbeitsvertrag gilt 4 bis 6 Monate, wenn es gute Verträge sind. Aber ich kenne auch Seeleute, die haben Verträge für 12 bis 14 Monate unterschrieben. Und das bedeutet: dieser Seemann kommt in dieser Zeit nicht nach Hause. Er weiß nicht, in welchem Teil der Erde sein Schiff fährt. Er kennt die Besatzung vorher nicht. Er kennt das Schiff nicht. Ist es neu oder 15 Jahre alt ? In welchem Zustand befindet sich das Schiff ? Ist es gepflegt und technisch in Ordnung ? Oder muß die Besatzung u.U erst anfangen, das Schiff wieder instand zu setzen ? Fragen sind das, die der Seemann nicht beantwortet bekommt, wenn er bei schlechten Vermittlern seinen Vertrag unterschreibt. Aber dann muß er den Vertrag erfüllen. Sein Leben an Bord spielt sich ab zwischen seiner Kammer (Kabine sagt man auf Fährschiffen), der Messe (dem Eß- und Aufenthaltsraum) und seinem Arbeitsplatz in der Maschine oder an Deck, in der Kombüse oder auf der Brücke. Die Arbeit geht 7 Tage die Woche von morgens bis abends. Er muß Wache schieben, oder reparieren und instandhalten. Selbst nachts kann es sein, daß er raus muß, wenn der Lotse an Bord kommt oder Unregelmäßigkeiten auftreten. In seiner Kammer lebt er allein. Aber Alles ist festgeschraubt. Die Koje ist fest, die Bank, auf der er sitzt, hat ihren festen Platz, genauso wie der Tisch. Der Schrank steht unverrückbar fest, selbst das Bild ist an der Metallwand festgeschraubt. Individuelle Gestaltungsmöglichkeiten gibt es nicht. Der Seemann lebt in fest vorgegebenen Räumen, umgeben von Metall, das nicht erst bei Seegang quietscht und rappelt. Nach Feierabend auf See: was kann er machen? Ein Video ansehen - aber wann bekommt er Neue? Ein Buch lesen. Und wo kriegt er ein Neues? Einkaufen - geht nicht. Kino - ist nicht. Andere Menschen sehen - klappt nicht. Spazierengehen, Sport treiben - vielleicht an Deck, aber an andrem Ort - findet nicht statt. Die Entfaltungsmöglichkeiten und Abwechslungen sind sehr begrenzt. Und dann im Hafen: da geht es erst recht rund. Laden und Löschen bedeutet, daß jede Hand an Bord gebraucht wird. Und die, die beim Laden und Löschen nicht beteiligt sind, warten die Maschine, kloppen Rost oder streichen außenbords das Schiff. In den Häfen wird unterschiedlich lange gearbeitet. In Bremen bis 18 oder auch 22 Uhr. Ein Ausflug an Land ist nur möglich, wenn der Kapitän es gestattet. Aber dann gehen die Probleme los. Wie komme ich in die Stadt ? Ich habe nur 50 Dollar. Wo kann ich wechseln ? Und wieviel kriege ich dafür? Ist es in Deutschland günstig einzukaufen oder teuer ? Und wie komme ich wieder zurück ? Damit diese Fragen den Seemann nicht abhalten, an Land zu gehen, sind wir von der SM da. Vor allem bieten wir die nötige Ergänzung zum einförmigen Bordleben: So sorgen wir uns darum, daß die Seiten des Seemanns ergänzt werden, die an Bord verkümmern würden. Darin folgen wir dem Wort Jesu (Lk 9,56): "Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, der Menschen Leben zu verderben, sondern zu erhalten."
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