Die Würde des Menschen steht vielfach auf der Kippe
Rosemarie Heimer, DSM Middlesbrough
„Seemannsmission - support of seafarers’ dignity“ - Unser Auftrag in neue Worte gekleidet, Anstoß über das, was wir tun, neu nachzudenken.

1. Mission:
Wir sind gesandt, gesandt zu den Menschen in der Seefahrt, um die Liebe dessen, der uns als sein Ebenbild geschaffen hat, in Wort und Tat weiterzugeben.

2. Wie kann das geschehen?
Durch
• support: Das englische Wörterbuch erklärt den Ausdruck mit: to carry the weight: den Druck mittragen, by providing new facts: für mich heißt das in freier Übersetzung Licht in eine Sache bringen, to give aid or courage: helfen und Mut machen, to give strenghts, stärken
• port, also Hafen, als Symbol für Sicherheit:
• dignity: Das Wörterbuch beschreibt: the state of being worthy of honour: der Ehre würdig sein. Es erklärt weiter: dignified because a person or institution invested somebody with honour or by the use of pretentious name or title: Würde, durch eine Person oder Institution verliehen oder durch den Gebrauch von protzigen Namen oder Titeln. Als Christen wissen wir, unsere Würde ist in der Tatsache gegründet, dass Gott uns als sein Ebenbild geschaffen hat, und alle Menschen durch seine Liebe miteinander verbunden sind.

3. Was bedeutet das für die praktische Arbeit der Seemannsmission
• Ich gehe an Bord in dem vollen Bewusstsein, die Menschen, die ich gleich treffen werde, sind meine Schwestern und Brüder, mir von Gott gegeben, ausgestattet mit der gleichen Würde wie ich. Vielleicht sind sie sich dessen nicht bewusst, vielleicht haben Umstände diese Würde verschüttet, vielleicht leben und arbeiten sie unter Bedingungen, die ihnen ihren Selbstrespekt genommen haben. Und wie das so ist mit Geschwistern, manchmal mag man sich auch nicht so gerne. Gerade dann ist es wichtig, mir zu vergegenwärtigen, dass wir durch Gottes guten Geist verbunden sind und sie meinen Respekt erwarten können.
• Nun bin ich also an Bord. Wie geht es weiter? Im Idealfall wie in der biblischen Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzählen werde. Sie alle kennen sie, haben sie vermutlich aber noch nicht als ein Lehrbeispiel für einen gelungenen support of dignity gehört.
• Jesus ist im Tempel und spricht zu vielen und mit vielen Menschen. Die Menschen hören ihm zu. Da sie nicht weggehen, nehmen wir mal an, dass er einen guten Rapport mit ihnen hat. Er sitzt da, er spricht mit ihnen auf gleicher Ebene, nicht auf sie herab. Nun kommen Schriftgelehrte und Pharisäer, Männer, denen ihre Würde, die sie durch Amt und Studium, durch Auftreten und Kleidung bezeugen, bewusst ist. Sie bringen eine Frau, die sie bei einer Gesetzesübertretung erwischt haben, nämlich beim Ehebruch. Diese Frau benutzen sie, um Jesus vorzuführen; sie versuchen, seine Würde, seine Autorität zu untergraben.

Klarer, offener, ehrlicher Umgang
Zum Zeitpunkt ihres Auftretens stehen also die Würde Jesus, die Würde der Ankläger, die Würde der Frau und die der Zuhörer im Tempel auf der Kippe. Wie geht Jesus damit um? Er bleibt sitzen, ja er bückt sich und schreibt in den Sand. Er bleibt ganz ruhig und konzentriert sich ganz auf das, was gesagt und durch Haltung und Gesten übermittelt wird. Er konzentriert sich ganz auf die anderen. Er schreibt in den Sand. Er steht nicht auf, er macht sich nicht größer, er beweist ihnen nicht messerscharf, dass sie Unrecht haben. Er zeigt ihnen nicht auf, was sie da eigentlich machen, beruft sich auch nicht auf Bibel, Gesetz und Amt.
Er hört zu, ist ganz bei ihnen. Er versucht nicht, ihnen das Vorhaben auszureden oder Lösungen für das Problem aufzuzeigen. Sie aber sind nicht zufrieden. Sie wollen eine Antwort, die ihnen erlaubt, weiter zu diskutieren. Da richtet Jesus sich auf (aus seiner gebückten Haltung, er bleibt sitzen) und sagt zu ihnen, wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.
Er erkennt ihre Stärke, trifft genau den Punkt. Er überlässt die Entscheidung ihnen. Er macht sie nicht klein, er gibt ihnen die Möglichkeit, sich mit Würde zurückzuziehen.
Und sie gehen, einer nach dem anderen. Jesus bleibt zurück, allein mit der Frau. Allein mit einer Frau, die in den letzten Stunden Todesängste ausgestanden hat. Er bemuttert sie nicht, redet ihre Ängste nicht weg. Er spricht ihr Problem an. Wo sind deine Ankläger? Hat dich niemand verurteilt? Er sagt nicht, da hast du ja nochmal Glück gehabt.
Vielmehr erklärt er, auch ich verurteile dich nicht, aber in Zukunft sündige nicht mehr. Er spricht ihre Verfehlung an und traut ihr zu, sich zu ändern.

Die Würde aller blieb gewahrt
Die Würde aller Beteiligten ist gewahrt worden. Niemand wurde klein gemacht oder totgeredet. Jeder hat die Unterstützung erfahren, die er oder sie zu diesem Zeitpunkt benötigte.
Ich wünsche mir und uns allen, dass es uns oft gelingt, mit Seeleuten so umzugehen. •