Liebe Gemeinde !

Weltfremd ist Jesus bestimmt nicht gewesen. Ich entdecke ihn eher, wie er mit beiden Beinen im Leben gestanden hat. Er kennt die Gepflogenheit der Kirche damals genauso gut wie die Strukturen des Staates. Und sehr präzise nimmt er das Leben der Menschen um ihn herum wahr. Er kann mit den Menschen ihre Fröhlichkeit feiern, wie er auch mit ihnen weinen und mitleiden kann. Viele Erzählungen und Berichte zeigen, daß Jesus kein Phantast oder Träumer gewesen ist, den man nicht ernstnehmen müßte. Aber solche Gedanken können sich einstellen, wenn ich Ihnen den Predigttext dieses Sonntags aus der Bergpredigt, Mt 6,25-34 vorlese. Dort sagt Jesus: TEXT

Sorgenfrei leben - wer möchte das nicht ? Ich beobachte, daß ja viele Anstrengungen in meinem eigenen Leben das Ziel verfolgen, sorglos leben zu können. Dafür schließe ich Versicherungen ab, lege Geld auf die hohe Kante und mache mir Gedanken über meine Zukunft. Wer einfach blau in den Tag hineinlebt, der wird irgendwann einmal eine böse Überraschung erleben. Das also kann Jesus nicht gemeint haben.

Ebenso weltfern wäre es, die Sorgen, die da sind, einfach zu leugnen.

Ich berichte von einem 2.Offizier. Auf der Fahrt von Santos nach Bremen erreicht das Schiff ein Telex:" In Rotterdam werden 5 Besatzungsmitglieder gewechselt." Jeder an Bord fragt sich, wer es sein wird.

"Und dann",sagt der 2.Offizier, "dann bist du alleine. Hast bei Bremen deine Frau mit 2 kleinen Kindern, ein hübsches Reihenhaus, also Schulden. Und du willst arbeiten. Du willst deinen Beruf ausüben, weil es trotz allem ein schöner Beruf ist. Un dann erfährst du - am Ende der Reise ist es aus. Und wie es weitergeht, steht in den Sternen. Und das mußt du deiner Frau beibringen und erklären. Aber du sitzt ihr ja nicht gegenüber. Am Telefon mußt du das sagen, denn das belastet dich ja auch. Den Frust mußt du loswerden, sonst gehst du zugrunde. Und dann merkst du, wie sich die Stimme am anderen Ende verändert, bis sie nihcts mehr sagen kann. Dann willst du trösten: Mach dir keine Sorgen. Ich find schon wieder was. Dabei gehts dir selber schon schlecht." Das sind doch massive Ängste und Sorgen, die an die Substanz gehen. Wie kann sein Leben und das seiner Familie weitergehen, wenn er monatelang kein neues Schiff und damit Arbeit findet ? Und das ist das Los vieler Menschen in Deutschland.

Ich denke an die vielen Jugendlichen, die keinen Ausbildungsplatz bekommen, wodurch ihnen ihre Zukunft geraubt wird. Und weiter gilt die Sorge Vieler, ob sie später, am Ende der Ausbildung in dem erlernten Beruf auch einen Arbeitsplatz finden können. Manch einer geht dann noch einmal weiter zur Schule oder lernt einen zweiten, ergänzenden Beruf, um seine Chancen zu erhöhen. Aber die Sorge bleibt dennoch.

Von manchem Seemann weiß ich, daß er ständig bangt, ob er nach dem Ende seines 4-Monate-Vertrags jemals wieder ein Schiff findet, auf dem er arbeiten kann. Darum geht er von Reederei zu Reederei und Agentur zu Agentur und meldet seine Bereitschaft an, sofort wieder einzusteigen, wenn sich die Möglichkeit bietet. Gerade Seeleute sind schon lange daran gewöhnt, mit kurzfristigen Arbeitsverträgen leben zu müssen. Und sie haben sich auch noch daran gewöhnt, sich selbst und ihre Arbeitskraft überall anzubieten, in der Hoffnung, irgendwann genommen zu werden. Darin erinnern sie mich an die Tagelöhner, von denen wir in der Bibel immer wieder erzählt bekommen. Und die müssen sich ja Sorgen machen, wenn zuhause die Familie wartet und zu essen und zu trinken haben möchte. Die Sorge um den Arbeitsplatz steht in unseren Tagen mit an oberster Stelle, und da können solche Sätze Jesu wohl mißverstanden werden.

Ähnliches gilt ja denn auch für die Reeder und Schiffscharterer. Sie müssen auf dem internationalen Markt um die Frachtraten kämpfen und bangen darum, daß das Schiff rentabel fährt. Sie stehen unter einem großen Kosten-Nutzendruck und tragen neben der Verantwortung auch ein hohes Maß an Risiko. Sie sorgen sich um die Wirtschaftlichkeit, weil sie wissen, daß daran auch Arbeitsplätze, also Menschen, hängen.

Wenn ich aber genau hineinhöre, bemerke ich, daß Jesus ja nicht sagt, wir sollten uns so verhalten wie die Lilien auf dem Feld und die Vögel unter dem Himmel. Sie sind vielmehr bloße Bilder für das, was Gott bereits tut -ohne unser Zutun. Er läßt wachsen und gedeihen, damit wir zum Leben genug haben. Auch in diesem Jahr ist die Ernte eingebracht und wir müssen uns wahrlich keine Sorgen machen, ob die Vorräte bis zur nächsten Ernte ausreichen. Damit aber geerntet werden kann, muß vorher viel gearbeitet werden. Das weiß auch Jesus nur zu gut. Sein Wort "sorget nicht" schließt darum die Anstrengungen der Menschen und ihre Arbeit mit ein. Ja, die Arbeit des Menschen ist die begleitende und verantwortungsvolle Ergänzung zu dem, was Gott bereits getan hat und tut: nämlich die Schöpfung am Leben zu erhalten. Wer nun keine Arbeit hat, der kann nicht mehr mitwirken an dem Auftrag, den Gott den Menschen gegeben hat, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Daher müssen die christlichen Kirchen für ein Recht auf Arbeit eintreten. Zugleich möchte Jesus aber auch davor bewahren, daß unser Sorgen so sehr an Gewicht gewinnt,, daß kein Platz mehr bleibt, um wirklich leben zu können. Denn das sich Sorgen kann einen so hohen Rang bekommen, daß mein ganzes Streben allein ihm gilt, und ich das Heute nicht wahrnehme.

Als Alternative dazu bietet Jesus hier an: "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes." Damit umreißt er ein Ziel, das außerhalb von mir selbst liegt. Und was außerhalb meiner Person ist, das befreit von der Sorge um mich selbst. Meine Sorgen werden nicht kleiner, aber indem ich Ausschau halte nach dem Reich Gottes, löse ich mich von mir selbst. Ich werde befreit von der Herrschaft des Sorgens.

Ich möchte Ihnen erzählen von einem philippinischen Seemann, bei dem ich erlebt habe, wie solche verantwortete Sorglosigkeit mit Leben gefüllt ist. Ich nenne ihn Arturo. Er fährt mit 3 weiteren Philippinos, einem Polen, 2 Ukrainern und einem deutschen Kapitän. In seiner Kammer an Bord hat er ein Bild angebracht. Es zeigt Jesus, wie er über das Meer wandelt. Arturo hat das Bild abgeschnitten, sodaß die Gesichter der Jünger nicht mehr zu sehen sind. Ich frage ihn, warum er das gemacht hat und er antwortet: "Die Angst auf See kenne ich selbst sehr gut. Da brauche ich die Gesichter nicht. Ich bin selbst eines davon. Aber wichtig ist, daß Jesus zu mir kommen kann genau dorthin, wo ich Angst habe. Er geht über das Meer und kommt zu mir und hilft. Immer wieder mache ich diese Erfahrung. Und sie gibt mir Sicherheit, auch wenn ich in größter Angst und Not bin. Und ich bin noch jedesmal gut in den nächsten Hafen gekommen."

Mancher mag darüber lächeln. Ich bin eher erstaunt darüber, daß der Glaube von Arturo in Zeiten großer Angst ihn von ihm selbst wegführt zu dem, was Jesus hier das "Trachten nach dem Reich Gottes" nennt. Solches bleibt unerklärlich, aber es wirkt. Und ich bin froh darüber, daß solche Erfahrungen viele Menschen machen, die das Reich Gottes mitten unter uns erleben als eine Wirklichkeit, die unser Sorgen ernst und wichtig nimmt, aber die Sorgen selbst leichter werden läßt.

LIED 596, 1-4 "Ich möchte Glauben haben,der über Zweifel siegt, der Antwort weiß auf Fragen und Halt im Leben gibt.

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