Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft im Heiligen Geist sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde, liebe Hörerinnen und Hörer, liebeSchwestern und Brüder!

Seemannsmission beginnt mit der Entdeckung, daß Menschen an Bord der Schiffe sind. Das ist schon immer wieder überraschend. Während meines normalen Besuchstörns bei uns im Hafen steige ich die Gangway eines Schiffes hoch. Vielleicht ein bißchen ängstlich. Denn falls ich das Schiff nicht kenne, kann ich heute weder am Namen, noch an der Flagge, noch am Heimathafen ablesen, welchen Menschen aus welchen Ländern ich dort an Bord begegnen werde. Doch woher die Seeleute auch kommen, fast immer hellen sich ihre Gesichter auf, wenn ich den Namen Seemannsmission nen-ne. Oder die Filipinos rufen schon vorher erfreut, o Seamensmission, wenn sie unsere blaue Flagge mit weißem Kreuz auf meiner Mütze entdecken. Meist wird mir ein großes Vertrauen entgegengebracht. Und das ist das Überraschende, ohne daß ich das selbst erarbeitet haben kann. Und die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei uns erleben das genauso. Daran erfahre ich, was gute Tradition bedeutet. Daß nämlich Männer und Frauen 100 Jahre lang den Seeleuten so treu gedient haben, wie P. Oehlkers das beschrieb, diese Tradition hat uns eine Vertrauensbasis erworben, die unser bestes Kapital ist. Und jetzt eben auch bei Seeleuten aus aller Welt. Dazu kommt noch die Zusammenarbeit mit den Seemannsmissionen der anderen Kirchen und aus anderen Ländern. Diese Tradition des Vertrauens und solche Zusammenarbeit bieten uns derart viel Halt und Geborgenheit, daß es manchmal richtig Spaß macht, hier zu arbeiten. Darum danke ich auch auf diese Weise allen Menschen, die uns ideell und finanziell unterstützen und damit unsere Arbeit für die Seeleute ermöglichen.

Und wenn ich dann noch auf 'nem Schiff erfahre, daß die Fahrzeiten und Bedingungen für die Menschen an Bord stimmen und der Kapitän sagt unser Job ist schon schwer genug, darum wollen wir ihn wenigstens so menschlich gestalten, wie irgend möglich, dann freue ich mich richtig. Es gibt eben auch noch richtig gutes Fahren. Nur manchmal folgt dann der Pferdefuß: Nun bemühen wir uns hier schon so, und dann kommt einer verärgert vom Landbetrieb, vom Personalbüro, zurück: "die haben mich mal wieder schlechter behandelt als 'nen Container. Und das nervt." Da sind wir dann bei den Sorgen.

Liebe Gemeinde. Eines will nun von vornherein ganz eindeutig sagen: Solange nicht unmißverständlich klar ent-schieden wird: die Seefahrt, ja die gesamte Wirtschaft, ist für den Menschen da und nicht der Mensch für die Wirtschaft oder die Seefahrt, solange werden die Sorgen wegen der Arbeit und der Arbeitslosigkeit nicht aufhö-ren. Wofür sollte Seefahrt denn sonst da sein? Für das Einhalten von Prognosen und hohen Zahlen etwa oder gar nur für die Bilanz und das Kapital. O nein. Die Seefahrt muß - wie die Wirtschaft insgesamt - den Menschen zugute kommen und gerade auch denen, die sie betreiben und ausführen. Damit wir uns nicht falsch ver-stehen. Ich will hier nicht Wirtschaftsexperte spielen. Nur wir müssen doch endlich entscheiden, was in Zukunft für unser Leben Gewicht haben soll, was für uns etwas wert ist. Und da bleibe ich dabei: die Seefahrt ist für uns Menschen da. Woher ich das weiß? Nun, aus der Bibel. Jesus selbst hält seinen fanatischen Gegnern vor: der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat. Und das will ja wohl weiß Gott keiner leugnen: Der Sabbat, also der von Gott geschaffene Ruhetag für uns Menschen, ist ja nun wahrlich mehr wert als alle Seefahrt, als alle Wirtschaft zusammen. Also muß erst recht gelten, die Seefahrt muß dem Menschen dienen und nicht umgekehrt.

Ja und da gibt es die Sorgen, auf die wir treffen. Da sind die Besatzungen, denen monatelang ausbeuterisch jede Heuer vorenthalten wird. Und damit erhalten die vielen Angehörigen, für die sie ja die Strapazen der Seefahrt auf sich nehmen, auch keinerlei Geld. Da sind die berechtigten Sorgen, daß Schiff könne den nächsten Sturm nicht überstehen, weil die Sicherheitsausgaben wegrationalisiert wurden Und da wird dann unsere Hilfe erwartet. Manchmal können wir auch helfen, aber meist mit guten und einflußreichen Partnern zusammen. Das ist sozusagen unsere Leibsorge.

All eure Sorgen werfet auf Gott, denn er sorgt für euch, heißt der Bibelsatz aus dem 1. Petrusbrief, zu dem in mehreren Hafenstädten Gottesdienste zum Sonntag der Seefahrt gefeiert werden. All euer Sorge werft auf ihn, da denke ich jetzt an den griechischen Seemann, der weder deutsch noch englisch sprach. Es dauerte eine Zeit, bis ich begriff, daß er beichten wollte. Das bringt einen evangelischen Pastor ja leicht in Verlegenheit, weil wir sträflicherweise dies Heilmittel, um die Sorgen abzuwerfen, viel zu wenig kennen und nutzen. Nun er brachte alles vor Gott, was ihm auf der Seele lastete. Ich verstand nichts. Dann beteten wir gemeinsam das Vater Unser, er auf griechisch, ich auf deutsch. Und er war sichtlich entlastet. Er hatte seine Sorgen auf Gott geworfen. Nun konnte er Aufatmen. Gelassen und froh ging er zu seinen Kollegen in den Club. Mir kommt das vor, wie wenn jemand die Wurfleine zu Gott rüber wirft - um ein Bild aus der Schiffahrt zu benutzen. Die Wurfleine mit der dann das große Tau nachgezogen wird. Und Gott holt die große Leine rüber und macht mich an der Kaje fest. Dabei kann ich mich stärken und kräftigen, kann neuen Grund finden, mich wieder aufrichten. Und so gestärkt wage ich mich dann wieder hinaus auf die hohe See des Lebens, mit all ihrer Schönheit, mit all ihren gefährli-chen Stürmen. Das brauchen wir alle, denke ich, daß wir diesen Grauschleier der Sorgen loswerden, daß wir sie Gott zuwerfen wie eine Wurfleine, denn Sorgen machen alt, steht schon in der Bibel.

Wenn es denn stimmt, Liebe Gemeinde, daß die Beziehungen zu den Menschen ein sehr genaues Spiegelbild der Beziehung zu Gott sind, denn müssen viele Seeleute ein recht unkompliziertes Verhältnis zu Gott haben. Denn viele Afrikaner, Südamerikaner und Asiaten können viel leichter miteinander und mit uns umgehen als wir. Da ist es eine große Chance für uns, diese Seefahrenden zu erleben So können wir gleichsam etwas von dem schwarzen Gott Afrikas, dem braunen Gott Lateinamerikas und dem gelben Gott Asiens kennenlernen. Und es ist spannend, etwas zu erfahren von dem Gott der Filipinos, dem Gott der Russen und dem Gott der Polen etwa.

Haben Sie gemerkt, ich habe eben die Mission heute beschrieben. Also: daß in unserem hektischen Hafenbetrieb von Gott und von den Sorgen der Seele gesprochen werden kann, das ist unsere Aufgabe, unsere Mission. Daß Menschen ermutigt werden, Gott die Wurfleine zuzuwerfen. Aber in vielen, vielen Fällen bekommen wir dafür die Gottesbeziehung unserer Gäste als Erfahrung und Gabe zurück. Darum brauchen wir, brauchen die Gemein-den, braucht unsere Kirche solche Mission wie die Seemannsmission und zwar in unserm Land, damit unsere Menschen- und Gotteserfahrungen weit werden können.
Und so bitten wir: Gott, Schöpfer der Völker, der Länder und Meere, wir werfen unsere Sorgen auf Dich, damit wir dankbar und gelassen leben können. Amen

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