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Verehrte, liebe Hörerinnen und Hörer, liebe Angehörige der Werft, liebe Gemeinde:
Eines finde ich immer noch richtig spannend. Auch nach 15 Jahren Arbeit bei der Seemannsmission noch. Nämlich: was ich alles von den Seeleuten aus den verschie-densten Teilen der Welt lernen kann. Wieviel mir neu aufgeht und klarer wird bei unserer Arbeit mit den Seeleuten an Bord der Schiffe im Hafen, in unserem See-mannsheim oder in unserem Club, der Guten Stube, direkt im hektischen Treiben des Containerterminals. Ich erfahre immer wieder Neues. Und darum bin ich gerne dabei.
Ich weiß nicht, ob Sie sich zu Hause das so vorstellen können. Wie viel die Seeleute bei ihrer Arbeit entbehren müssen von dem, was uns so selbstverständlich ist: monatelang getrennt von den Lieben, weit weg von den Freunden, kein Kontakt zum ihrem Verein, keine besonderen Unternehmungen. Und das alles entbehren sie ja auch für uns. Damit uns die Waren aus Übersee zur Verfügung stehen, die wir täglich brauchen. Damit wir unsere Produkte in aller Welt verkaufen können.
Heute will ich einen Punkt besonders herausgreifen:
"Du siehst ja nie ne feste Stelle, wenns'de auf See bist. Es bewegt sich ja alles." So sagte das ein Seemann. Und das ist eine ganz besondere Erfahrung: Selbst bei dem riesigsten Containerschiff ist bei Seegang alles in Bewegung. Ich habe das auf einem Fischtrawler zwischen Island und Grönland erlebt. Und das ist schon merkwürdig, diese Erfahrung: Du hast jetzt keinen festen Bezugspunkt mehr. Nur See.
Früher gehörten ein gutes Seebesteck, genaue Seekarten, und ein seemännischer Fachmann dazu, um festzustellen, wo sich das Schiff exakt befindet. Das hat sich grundlegend geändert: Ein kleiner Apparat in der Größe eines Handys kann heute innerhalb von Minuten die genaue Lage peilen. Das GPS, das Globale Positionie-rungs-System, macht es möglich. Im Display erscheint die Position nach Längen- und Breitengrad bis auf Minuten und Sekunden genau. Satelliten sind dabei die festen Bezugspunkte.
Aber innerlich, seelisch meine ich, ist die Lage geblieben wie früher. Alles ist in Bewegung und du hast keinen festen Bezugspunkt. Eine moderne Erfahrung, und nicht nur an Bord, meine ich.
Aber, die Seeleute wissen darum, und können das auch benennen: "Du brauchst unbedingt etwas, wo du dich dran festhalten kannst," sagen sie. Eben den festen Bezugspunkt.
Und nicht nur früher gehörte der Blick zu den Sternen, zur Sonne, der Blick zum Himmel dazu."We hope you continue the Mission, a heaven in Bremerhaven." "Wir wünschen, ihr erhaltet die Seemannsmission. Sie ist ein - und nun kommt ein Wortspiel -, ein Hafen bzw. ein Himmel in Bremerhaven." so lautet die letzte Eintragung im Gästebuch der Guten Stube. Von einem asiatischen Seemann der Hual Trinita, einem großen Autotransporter, wurde das geschrieben. Ja, wir erleben, auch unsere Clubs können ihn bieten, den festen Bezugspunkt
Schade, dass nur noch so wenig deutsche Seeleute dies erfahren, weil es nur noch wenige deutsche, aktive Seefahrer gibt. Und es handelt sich hierbei ja im wahren Sinn des Wortes um Erfahrung. Mit dem Schiff auf den Meeren der Welt die Schöpfung erfahren. Vor allem die Jugendlichen in unserem Land, brauchen das. Sie brauchen die Erfahrung, dass es richtig Spaß machen kann, fremde Menschen kennen zu lernen, Ausländer als Freunde zu gewinnen. Neues vom vielfältigen Leben aus dem gesamten Zoo Gottes zu erfahren. Ich gewinne immer mehr den Eindruck: es lohnt sich durchaus wieder, Seemann zu sein, Seefrau zu sein. Auch für Europäer und auch für Deutsche.
Und wenn es um den festen Bezugspunkt geht. Es ist nicht von ungefähr: daß die Religion und der Glaube für eine Reihe von Seeleuten eine solch wichtige Rolle spielt. Der Blick zum Himmel eben.
Lassen Sie mich das an einem Beispiel deutlich machen:
Da ist auf einem kleineren Containerschiff ein russischer Seemann gestorben. Dass ich für ihn einen Gottesdienst halte, ist dem deutschen Kapitän, den russischen Kameraden aus Estland und besonders den Philippinen aus der Mannschaft dieses Schiffes wichtig. Und vor allem muß ich das Schiff und sie segnen. Früher hätte ich das eher für abergläubisch gehalten. Heute weiß ich: der feste Bezugspunkt auch auf diesem Schiff zu Gott muß wieder hergestellt werden.
Ähnlich gilt das auch für uns, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Seemanns-mission mit dem festen Bezugspunkt. Fremdes muß mir keine Angst machen, wenn ich einen zuverlässigen Haltepunkt im Glauben an Gott erfahre. Im Gegenteil: Ich kann um so großzügiger mit allem mir Ungewohnten, Ausländischen umgehen, je mehr ich mich selbst gehalten weiß. Um so mehr kann ich die Eigenarten und Besonderheiten der Seeleute achten: Und nun zum Schluß ganz eindeutig: ich werde nicht müde werden,
Folgendes weiter zu sagen: Es ist schon einige Jahre her, da erklärte uns dies der Kapitän auf seinem indonesischen Schiff an einem Feiertag. Er sagte: in dieser Messe hier feiern jeden Freitag die Muslime aus unserer Mannschaft ihren Gotte-dienst, und am Sonntag die Christen, aber die großen Feste beider Religionen feiern wir gemeinsam.
Liebe Hörerinnen und Hörer: Dieser Kapitän war weitsichtiger als vieles, was heute in Teilen Indonesiens an Schlimmen geschieht. Ich denke er war der Wahrheit Gottes näher. Und ich bin sicher, Frau Lolita Lahaja-Ginzel, die zur Zeit eine See-mannsmissionsstation in Batam in Indonesien aufbaut, wird diese christliche und muslimische Wahrheit unterstützen und fördern. Dieser indonesische Kapitän war der Wahrheit näher, als viele Dumme in unserem Land, die sich gegen Fremdes, gegen Menschen aus anderen Ländern dick machen wollen.
Es ist einfach gut und schön, miteinander zu feiern und positive Erfahrungen zu sammeln. Gerade auch mit Menschen aus vielen anderen Ländern, gerade mit Ausländern. Eine Erfahrung, die Angehörige auf der Werft hier sicher bestätigen können.
Was wir immer wieder dabei spüren, scheint auf den ersten Blick merkwürdig und ist doch eine uralte Erfahrung: wenn ich anderen Menschen etwas gebe oder bringe, erhalte ich selber Gewinn davon. Auch darum bin ich gerne bei der Seemannsmission. Bei dieser Arbeit, in der wir gemeinsam mit den Seefahrern den festen Bezugs-punkt erfahren.
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